BOFIT: Die langfristigen Schäden durch die Sanktionen

HELSINKI (rus)–Die russische Regierung hat kurz nach dem Überfall auf die Ukraine die Veröffentlichung der Handelsbilanz gestoppt. Das auf Russland und China fokussierte Forschungsinstitut der Notenbank Finnlands (BOFIT) hat kürzlich die russische Handelsbilanz für März bis Juni des laufenden Jahres auf Basis der Daten der Handelspartner und weiterer Quellen rekonstruiert. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die russischen Importe in den vier Monaten nach dem Einmarsch Russlands erheblich zurückgingen. Russland war nicht in der Lage, auf alternative Importlieferanten auszuweichen, insbesondere nicht bei Technologieimporten. Die Ergebnisse der Importsubstitution als Eckpfeiler seiner Industriepolitik sind in jedem Fall bescheiden. Die russische Führung redet mittlerweile auch nur noch von “technologischer Souveränität”, die angeblich dadurch erreicht werden soll, dass nur aus “befreundeten” Ländern importiert wird.

Die russischen Importe sind unmittelbar nach der Invasion erheblich zurückgegangen und lagen per Juni um 38% unter dem Niveau vor der Invasion, wobei die Einfuhren auch aus Ländern zurückgingen, die selbst keine Sanktionen verhängt hatten. Der Rückgang der Technologieimporte war sogar deutlich größer und beträgt bei Maschinen und mechanischen Geräten 42% und bei elektrischen Ausrüstungen um 61% zum Vorkriegsniveau. Die Einfuhren von Autos und -teilen fiel um 64%.

Der trotzdem erkennbare erhebliche Rückgang des Angebots an importierten Technologiegütern und -inputs ist für einige Branchen in Russland ein ernstes Problem, insbesondere den Maschinen und Ausrüstungen sowie die Rüstungsindustrie, deren Produktion deutlich zurückgegangen ist. Die russische Zentralbank räumte mittlerweile ein, dass zumindest kurzfristig eine groß angelegte Importsubstitution für die meisten russischen Industrien unmöglich ist. Der Mangel an Einfuhren und die schwache Entwicklung der heimischen Industrien beeinträchtigen Russlands Potenzial für eine längerfristige wirtschaftliche Entwicklung erheblich.

So hat der Autobauer Avtovaz in den letzten Monaten Tausende von Ladas ohne Airbags produziert. Das Unternehmen war nicht in der Lage, Ersatz für ein Drittel der für die Montage benötigten Komponenten zu finden. Einem Bericht des Russischen Zentrums für Strategische Forschung zufolge muss der LKW-Bauer Kamaz ohne ausländische Komponenten die Produktion auf Modelle umstellen, die zuletzt in den 1970er und 1980er-Jahren produziert wurden. 

Auch die Herstellung vieler anderer Produkte der Kategorie Maschinen und Anlagen ist deutlich zurückgegangen. So sank die Produktion von Waschmaschinen im Juli um 5%, von Aufzügen um 45 % und Eisenbahnwaggons um 25%. Die Kranhersteller mussten ihre Herstellung auf vereinfachte Modelle umstellen. Die russische Notenbank geht davon aus, dass die Qualität von Waren und Dienstleistungen auf dem russischen Markt generell sinken wird. 

Die heimische Technologieindustrie macht nur einen geringen Anteil an der russischen Wirtschaft aus. Während die Leistung dieser Industrien wahrscheinlich keinen großen direkten Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung haben wird, untermauern die ihre marginalen Anteile an der Gesamtwirtschaft gerade die Abhängigkeit Russlands von Einfuhren in diesen Sektoren. Der Mangel an Importen und die schlechte Entwicklung der heimischen Industrie behindert. Russlands Potenzial für eine längerfristige wirtschaftliche Entwicklung erheblich.

rus/19.09.2022 – BOFIT: Die langfristigen Schäden durch die Sanktionen

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